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Ich wollte oft einfach davonlaufen
11.06.2010
Ihr Buch ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Welche Momente sind ausschlaggebend?
S. Wright: Die Frage meiner Tochter vor 10 Jahren: „Warum sprichst du nie über deinen Vater?
Weitere Momente waren, als ich zum ersten Mal das Holocaust-Museum besuchte. Und als ich erfuhr, wo mein Vater ermordet wurde.
Sich tragischen Momenten in der eigenen Vergangenheit zu stellen, erscheint naturgemäß schwierig. Wie haben sie das bewältigt bzw. wie ist das bei Ihnen passiert?
S. Wright: Holocaust-Überlebende erzählten über ihre Erfahrungen und fingen an nach meinen zu fragen.
Ich gab ihnen einen Bericht über meine Erfahrungen im Krieg und trat der Holocaust-Kinderopfer-Gruppe bei. Es war schwierig weil ich mich als Außenseiter fühlte und so wenig über die Geschichte wusste - es war auch ein Gefühl der Scham, warum ich nicht früher Fragen gestellt hatte. Auch Weinen half manchmal und oft wollte ich einfach davonlaufen.
Als jüdisch-katholischer „Mischling“ lebten sie als Kind unter dauernder Existenzgefahr. Ihr Schicksal als Mädchen erinnert ein bisschen an Anne Frank und ihr Tagebuch, jedoch mit glücklicherem Ende für sie, wenn man das so sagen kann.
S. Wright: Sie war ein Teenager aus einer volljüdischen Familie im Versteck - kaum ein Vergleich. Persönlich war ich nicht tagtäglich in Lebensgefahr.
Wie war die Zeit nach dem Krieg?
S. Wright: Wir lebte, wie andere Leute auch, doch gab es ein großes Loch, was meinen Vater anbetrifft. Es gab ihn nicht mehr und wir wussten nicht, was passiert war. Wir lebten einfach weiter...
Sie hatten auch eine Kärntenzeit. Erzählen sie davon?
S. Wright: Ich fand die Leute fröhlich und leicht mit meinen Blondviehzuchtverband Kollegen auszukommen. Ich liebte die Landschaft und wanderte viel in den Bergen. Ich befreundete mich mit zwei Flüchtlingen aus Deutschland. Und ich liebe Kärntner Musik.
Bald emigrierten sie und leben heute in Australien. Austria wird in den USA oft mit Australia verwechselt. Wie war diese Emigrationsgeschichte. Wie unterscheidet sich die australische Lebensphilosophie von der europäischen? Gibt es Unterschiede im Umgang mit dem Nationalsozialismus?
S. Wright: Ich bekam ein USA-Stipendium nach dem Doktorat. Dort traf ich meinen Mann und wir heirateten. Zunächst lebten wir in Großbritannien und wanderten 5 Jahre später mit einem Einwandererschiff nach Neuseeland und danach nach Australien aus.
Die Australier können damit leichter auskommen. Leben und leben lassen. Damals wenig Verständnis was in Europa vor sich geht. Eher naiv darüber wo Einwanderer herkommen. Viel persönliche Initiative und Hilfsbereitschaft. "Wenn es etwas nicht gibt, müssen wir es halt selbst machen."
In Australien hatte man wenig Ahnung über die die Nazizeit vor dem Krieg, man war auch kaum bereit in den 30er Jahren Juden aufzunehmen.
Das Land hat aber nach dem Krieg viele Flüchtlinge aufgenommen, einschließlich von Juden. Doch hatte man lange den Unterschied zwischen KZlern und Ex-Nazis nicht verstanden.
Susanne Wright - Curriculum
Bis zum 9. Lebensjahr in Wien-Hietzing als Susi Friedländer; 1944 Hauptschulabschluss; danach keine Erlaubnis als jüdisch-katholischer Mischling ins Gymnasium zu gehen; 1945-49 Mädchen-Gymnasium Wenzgasse, Hietzing mit Maturaabschluss. 1949-1952 BOKU (Hochschule für Bodenkultur); 1952 Anstellung im Blondviehzuchtverband Kärnten-Steiermark in Klagenfurt; 1953 Anstellung in der Landwirtschaftskammer für Kärnten; Stipendium des BM für Land- und Forstwirtschaft, 1957 Doktorat (Braunviehzucht); danach Anstellung im BM für Land- und Forstwirtschaft als Assistentin; 1958 Post-Doktorat-Stipendium von Association of American University Women, Studium Iowa State College 1957/58; Heirat mit Dr. Harry Wright.
S. Wright im O-Ton:
„Während der größere Teil der etwa 170.000 Wiener Juden 1938/9 flüchten konnten, gelang das meiner Familie nicht. Mein Vater und seine zwei Brüder wurden 1942 ermordet, Vater im Vernichtungslager Belzec in Polen, sein Zwillingsbruder in Auschwitz und der jüngste Bruder wurde am Rand eines Massengrabes bei Minsk erschossen. Mein nicht-jüdischer Großvater starb 1943 in Auschwitz. Ich hatte Glück, dass die Nazis nicht länger erfolgreich waren und sich nicht mehr gegen uns „Mischlinge“ wenden konnten.“
Susanne Friedländer, die Tochter eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter, wuchs in Wien auf, aber der „Anschluss“ im März 1938 zerstörte die Familie und ihre glückliche Kindheit. Ihr Vater kam nicht wieder von einem Zwangstransport nach Polen im Mai 1942 zurück.
Beinahe ein halbes Jahrhundert später findet sich die Autorin als australische Staatsbürgerin, Ehefrau, Mutter von vier Kindern und Dozentin in der Lehrerausbildung auf einer Entdeckungsreise in die Vergan¬genheit wieder.
„Das Buch beeindruckt durch viel Bedrückendes, aber auch gute Milieuschilderungen. Psychologisch spannend, wie die Autorin ihre Berührungsangst überwindet und dann mehr und mehr einsteigt in die Vergangenheit ihrer Familie.“
Prof. Dr. Edgar Hättich

